Im Unterholz-Einsatz gegen das gefährliche Halbwissen
Von Jan Fuhrhop
Hildesheim. Das war nicht unbedingt, womit Thomas Schmidt gerechnet hatte, als er in der Nacht zum vergangenen Sonntag gegen 1.30 Uhr die Tür öffnete. Er war davon ausgegangen, ein paar rohe Pilze in die Hand gedrückt zu bekommen. Stattdessen übergab ihm der Fahrer ein Marmeladenglas, zur Hälfte gefüllt mit einer undurchsichtigen Flüssigkeit und darin herum schwimmenden Stücken: Pilzsuppe. Und zwar Reste der Suppe, die zwei Patienten einige Stunden zuvor gegessen hatten. Nun lagen sie mit heftigem Erbrechen und Durchfall in einem Hamelner Krankenhaus. Die Ärzte tippten auf eine Lebensmittel-Vergiftung. Aber welche Pilze hatten die beiden Patienten verarbeitet? Wären es tatsächlich Steinpilze, Maronen und Hallimasch gewesen, wie sie meinten, würde es ihnen kaum so schlecht gehen. Also war Thomas Schmidt gefragt: Über das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen kontaktierten die Hamelnder Ärzte den Hildesheimer.
Zu sagen, Schmidt kenne sich mit Pilzen gut aus, wäre eine maßlose Untertreibung. Sein Geld verdient er als Mitarbeiter in der Landesverwaltung - nebenbei ist er Pilzsachverständiger, anerkannt und geprüft von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, die in Deutschland seit 1981 für die Ausbildung der früher Pilzberater genannten Experten verantwortlich ist.
In ganz Norddeutschland gibt es nur 40 dieser Fachleute und wenn irgendwo im südlichen Niedersachsen jemand nach einer vermeintlich leckeren Pilzpfanne oder eben einer Suppe zusammenbricht ist die Chance groß, dass Schmidt um Rat gefragt wird. Drei-, viermal pro Jahr war das zuletzt der Fall. "Ich gehe davon aus, dass es in diesem Jahr deutlich mehr wird", sagt Schmidt. Bis Ende August waren es schon drei Einsätze - und jetzt hat die echte Pilzsaison gerade begonnen.
Der Regen der vergangenen Wochen hat zu einem wahren Pilzboom in den Wäldern geführt. Und die Sammler strömen scharenweise aus, um die schmackhaften Emporkömmlinge körbeweise mit nach Hause zu nehmen. Viele dieser Pilzsammler überschätzten ihr möglicherweise in Büchern flüchtig angelesenes Wissen, meint Schmidt. "Es ist kaum möglich, anhand von Fotos und Zeichnungen Pilze in der Natur eindeutig zu bestimmen", sagt der Experte. Er habe das früher selbst gemerkt: Zu sehr sind die Form und die Farbe der Pilze von den Witterungsbedingungen und vom Standort abhängig. Ganz sicher kann nur sein, wer sich intensiv und direkt mit den Speisepilzen und den gut 300 giftigen Pilzarten, die es in Deutschland gibt, auseinandersetzt. Hätten die beiden Hamelner Suppenköche das vorher getan, hätten sie auch nicht Schwefelkopf und giftige Täublinge in ihr Essen geschnippelt in dem Glauben, Maronen, Steinpilze und Hallimasch verarbeitet zu haben. In diesem Fall hatte sich Schmidt noch den Rat eines Kollegen aus Braunschweig erbeten. Denn die gekochten Pilzstücke machten die eindeutige Identifikation außerordentlich schwierig. Gut, dass man sich in Sachverständigenkreisen kennt. "Der Kollege hat sich spezialisiert", sagt Schmidt und macht eine kleine Kunstpause, weil er um die Wirkung der folgenden Erklärung weiß: "Er ist ein echter Crack, wenn es darum geht, Pilzreste zu analysieren. Vor allem aus Erbrochenem." Die Konsitenz der Pilssuppe muss also dem von Erbrochenem ziemlich geähnelt haben, denn der Braunschweiger Experte konnte nach eingehender Analyse Entwarnung geben: Giftig ja, aber nicht tödlich.
Dass das unbedarfte Pilzesammeln durchaus tödlich enden kann, belegt ein Fall vom vergangenen Montag: Im Klinikum Braunschweig starb eine 69-Jährige, die den giftigsten aller Giftpilze gegessen hatte, den grünen Knollenblätterpilz. Rund 50 Gramm reichen aus, einen Menschen umzubringen. Das Gift greift die Leber an, sofort muss dann gehandelt werden. "Wer auf die ersten Symptome wartet, hat ganz schlechte Karten", sagt Schmidt.
Die verstorbene Braunschweigerin hatte den Pilz im Glauben verzehrt, einen Champignon gesammelt zu haben. "Die kann man als Laie durchaus schnell verwechseln", weiß Thomas Schmidt. Zumal der grüne Knollenblätterpilz nicht immer eindeutig grün ist, sondern auch ins Bräunliche gehen kann und somit dem Champignon auf den ersten Blick von oben ähnelt. Wer weiß, worauf man achten muss, sieht ihn sich von unten an, betrachtet die Lamellen und erkennt daran den Unterschied: Beim Champignon, oder deutsch Egerling, sind die Lamellen zunächst zartrosa, später braun - beim Knollenblätterpilz hingegen sind sie weiß. Weil sie derzeit massenhaft wachsen, ist Thomas Schmidt auf alles gefasst. Die nächste Verwechslung kommt bestimmt.
Auch der Sachverständige war mal Laie. Ein reiner Hobbysammler, der im Herbst loszog, um einen Korb voll für die leckere Pilzpfanne am Abend mit nach Hause zu nehmen. "Ich möchte gar nicht wissen, was ich mir da damals alles angebraten habe", sagt Schmidt und zieht die Augenbrauen hoch. Er hatte dann versucht, sich mit Hilfe von Büchern fortzubilden, gab es aber wieder auf. Zu unverständlich und theoretisch waren die Texte, die Bilder so realitätsfern. Bis er auf seinen Mentor traf, den Salzgitteraner Pilzexperten Dieter Honstraß. Bei ihm ging Schmidt in die Lehre und stieß in diese Welt am Waldboden vor, die ihn nach wie vor begeistert. Ihm geht es schon lange nicht mehr um das Sammeln von Speisepilzen. "Das ist nebensächlich geworden," sagt Schmidt. "Die Lebensräume zu entdecken, die Naturzusammenhänge zu erkennen - das ist das Interessante."
Über diese Lebensräume in der Region Hildesheim sammeln Schmidt und Mitstreiter des von ihm geleiteten Stammtischs möglichst viele Informationen, um sie der "Mykologie Arbeitsgruppe" in Hannover zur Verfügung zu stellen. Diese arbeitet seit einigen Jahren an einer Pilzkartierung für ganz Niedersachsen, in der Arten und Vorkommen verzeichnet werden.
Manchmal aber zieht Thomas Schmidt aus in die Wälder der Region, um ganz unwissenschaftlich Nahrung zu besorgen. "Meine Frau isst sehr gerne mal Pilzgerichte." Aber so ganz schafft er es dann doch nicht, sein Expertenwissen am Waldrand abzustreifen.
Und so lässt er etwa Steinpilze stehen, jene Pilze, nach denen sich viele Hobbysammler die Finger lecken, und greift zielsicher zur Hexenröhrling. "An dem gehen die Steinpilzsammler vorbei", sagt Schmidt und klingt nicht unglücklich darüber. "Der schmeckt einfach viel besser."
Wer Fragen und Interesse an Schulungen sowie Pilzlehrwanderungen hat, kann sich bei Thomas Schmidt unter der Nummer 01 70/7 22 38 37 oder per E-Mail unter der Adresse tho.kar.schmidt@arcor.de melden.
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