Einsatz im
<br>TheaternebelEinsatz im
Theaternebel


Übung im Hochhaus.
Foto: Rehbein

Von Janine Rehbein Hildesheim. Mittwochabend, 19.50 Uhr: Bei der Freiwilligen Feuerwehr Sorsum ist ein Notruf eingegangen. Stichwort: Zimmerbrand. Einsatzort: Tietzstraße 1, Drispenstedt. Die 18 Männer in den beiden Löschgruppenfahrzeugen, die sich jetzt in Bewegung setzen, wissen nicht mehr als diese beiden Dinge. Am Ende von Drispenstedt, dort, wo man schon die A7 rauschen hört, scheint die Abendsonne friedlich auf das rote Backsteingebäude. Von Feuer keine Spur. Stattdessen sind die Gruppenführer Stefan Sankowski und Felix Kröger schon vor Ort. Denn dieser Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr Sorsum ist eine Übung. Alle Abteilungen, die sonst getrennt geschult werden, sollen gleich das Zusammenspiel proben, das im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet. Dafür haben sich die beiden Gruppenführer ein Szenario ausgedacht. Sie kontrollieren im dritten Stock des leerstehendes Gebäudes (siehe Text unten) noch einmal die Lage. Unter der Türschwelle einer Wohnung dringt schon etwas Theaternebel hervor – ein Zeichen, dass die Nebelmaschine die Wohnung dahinter schon ziemlich realistisch eingenebelt hat. Neben der fiktiven Brandstelle, die ganz wie in der Wirklichkeit flackert, liegt das Brandopfer – eine Puppe. "Die werden sie nicht mehr lebend da rauskriegen", mutmaßt Ortsbrandmeister Helmut Engelhardt, der mit vor Ort ist. Die Tür zur Wohnung daneben steht offen. Hier haben es sich Gregor Purwin und Patrick Wolpers in Campingsesseln mit einer Kiste Bier gemütlich gemacht – natürlich nur im Rahmen ihrer Rolle als Obdachlose, die im leerstehenden Hochhaus ihr Lager aufgeschlagen haben und in den Vatertag hineinfeiern. Dasselbe Bild in der Wohnung nebenan: Hier liegen Stefan Sankowskis Frau Yvonne und ihre Freundin Franziska Müller auf einer Decke vor leeren Schnapsflaschen und freuen sich auf ihren ersten Einsatz als Statisten. Ein Vogelkäfig steht neben ihnen. Der imaginäre Wellensittich wird im Verlauf der Übung noch eine Rolle spielen, verraten die beiden jungen Frauen. "Spielt Eure Rollen wirklich ernst", mahnt Stefan Sankowski. "Wenn Ihr bewusstlos seid, müsst Ihr Euch hängen lassen und dürft nicht lachen", sagt er. "Wir müssen die Tür noch verriegeln", fällt Yvonne Sankowski ein. Zeit für die Gruppenführer, wieder nach unten vor das Haus zu gehen. 20.10 Uhr: Die beiden Feuerwehrautos rollen an. Ohne Blaulicht und Sirene, das ist bei einer Übung verboten. Erst als sie stehen, wird das Blaulicht eingeschaltet. Die Gruppenführer Lutz Faulhaber und Florian Moldenhauer springen aus den Autos. Folchert Baas, ein Förderer der Feuerwehr, der heute einen Passanten spielt, eilt ihnen entgegen. Mit ausgestrecktem Arm deutet er auf den Balkon, aus dem er den Rauch habe kommen sehen. Zunächst erkunden die beiden Gruppenführer die Lage, dann weisen sie ihre Leute an, die jeweils in einem Trupp von zwei Mann agieren. Zunächst muss der Schlauchtrupp den Schlauch an die Steigleitung am Haus anschließen, durch die das Wasser aus dem 2.000 Liter-Tank des Autos nach oben schießt. Dann steigt der erste Trupp der Atemschutzträger die Treppe bis in den dritten Stock hinauf. Die Sauerstoffflaschen auf ihrem Rücken wiegen je zwölf Kilo. Im Laubengang schlägt ihnen dichter weißer Nebel entgegen – Rauchgrenze nennen Feuerwehrleute das. Für die beiden Männer heißt das: Atemschutzmasken aufsetzen. Ein einziger Atemzug Kohlenstoffmonoxid ist in der Realität tödlich. "Hallo, ist da jemand?" rufen sie, vor der Wohnungstür. Aber nur laute Musik dringt aus der Wohnung nebenan. Sie ballern mit den Fäusten an die Tür, aber es kann niemand öffnen, denn dahinter liegt ja nur die Puppe. Also schlagen die Männer die Tür mit der Axt ein. Schnell schieben sie den Schlauch in den Spalt, dann halten sie die Tür wieder zu und pumpen in Schüben Wasser hinein, um den Eingangsbereich abzukühlen. Denn dringt schlagartig Sauerstoff in eine brennende Wohnung, kann es zu einer gewaltigen Feuerwalze kommen. Schließlich tasten sich die Männer auf Knien zur flackernden Feuerstelle vor. In einer brennenden Wohnung ist der Rauch so dicht, dass man von einer ausgestreckten Hand die Fingerspitzen nicht sieht. Am Boden ist die Sicht etwas besser, daher sind in die Feuerwehranzüge Filzpolster an den Knien eingearbeitet. Bei den beiden anderen Wohnungen wiederholt sich der Vorgang. Die Statisten spielen ihre Rollen sehr gut. Die beiden Männer gröhlen, und Gregor Purwin wird bewusstlos, bevor die Feuerwehr ihn "rettet". Die beiden Frauen sind vor dem "Feuer" auf den Balkon geflüchtet, und Yvonne Stankowski brüllt "Schorse, holt Schorse da raus" – gemeint ist der Wellensittich. "Der Lärm soll den Stresspegel erhöhen", erklärt Ortsbrandmeister Helmut Engelhardt. Plötzlich piept etwas. "Das Rückzugssignal" sagt Engelhardt. Der Sauerstoff beim ersten Trupp der Atemschutzträger wird knapp. In den Flaschen, die unter einem Druck von 300 bar stehen, sind komprimiert 1.800 Liter Luft; das reicht bei körperlicher Anstrengung für eine halbe bis dreiviertel Stunde. Doch der nächste Trupp ist schon im Anmarsch durchs Treppenhaus. Mit der "Crash-Rettung" holen sie das letzte "Opfer", die Puppe, heraus: Dabei greifen ihr zwei Mann unter die Arme und schleifen sie aus der Wohnung. "Ob die dann mit dem Kopf irgendwo gegenknallt, ist angesichts der Lebensgefahr zweitrangig", so Engelhardt. 21.10 Uhr: Es ist fast dunkel. Vor dem Gebäude haben sich im Schein des blinkenden Blaulichts Retter und "Gerettete" versammelt. Die Feuerwehrleute nehmen ihre Helme und Hitzeschutzmasken ab; sie sind nass unter den luftdichten Anzügen. Jetzt ist erstmal trinken angesagt. Zu Hause in Sorsum wird der Einsatz analysiert werden. Davor bringen die Männer die Schläuche zum Reinigen und Trocknen in die Feuerwehrtechnische Zentrale des Landkreises in Groß Düngen. Auf dem Weg dorthin machen die Löschfahrzeuge aber noch einmal Halt bei der Berufsfeuerwehr am Kennedydamm: frisches Equipment aufladen. Denn jede Minute kann wieder der Pieper gehen – diesmal für einen richtigen Einsatz.
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